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Warum Talkshows f├╝r den Arsch sind

Gestern abend, am Sonntag, den 30. Oktober 2016, kam in der ARD die Talkshow von Anne Will. G├Ąste: Manfred Spitzer, Christian Lindner, Sascha Lobo, Leni Breymaier und Bernhard Rohleder.

Spitzer verkauft sich miserabel. Obwohl er wissenschaftliche Argumente f├╝r seine Thesen hat, denen die Gegenseite absolut nichts au├čer dummem, industriefreundlichen Geschw├Ątz entgegenzusetzen hat, schafft er es sowohl in seinen B├╝chern als auch in seinen Auftritten vor Kameras nicht, Menschen f├╝r sich einzunehmen und zu ├╝berzeugen.

Aber selbst wenn er es t├Ąte, w├Ąre er alleine wohl kaum in der Lage, unserer Gesellschaft mehr Wissen und Bewu├čtheit im Umgang mit den Ph├Ąnomenen der modernen Welt einzutrichtern, als ihre individuellen Vertreter sich selber zu verschaffen bereit sind.

Damit meine ich jeden einzelnen von uns: Die Aufgabe lautet, hinter die Kulissen zu schauen. Sich Wissen anzueignen, anstatt sich nur einem Meinungsf├╝hrer anzuschlie├čen. Lobo ist ein begnadeter Selbstdarsteller und Selbstbeweihr├Ąucherer, der mit gro├čer, befreierischer Geste daherkommt und Platit├╝den ├╝bers Leben absondert. Der typische Besserwisseridiot, dessen ganze Kompetenz in der Manieriertheit seines Auftretens liegt. Keine einzige abgeschlossene Ausbildung, gescheiterter Gesch├Ąftsmann, unf├Ąhig zu wissenschaftlichem Denken und zum Disput, aber bis zur Hutkrempe angef├╝llt mit Sendungsbewu├čtsein.

Lindner, willf├Ąhriger Politprofi ohne Bedarf an Wissenschaft und Erkenntnis, aber mit dem untr├╝glichen Instinkt des Politikers ausgestattet, der ihm sagt, welchen Standpunkt er zur Erreichung des Maximums an W├Ąhlerstimmen vertreten mu├č.

Rohleder??? Haha, Bitkom-Gesch├Ąftsf├╝hrer, ist ja klar, was der reden mu├č.

Will? Die pseudointeressierte, pseudointellektuelle Moderatorenmimerin ohne Autorit├Ąt in Sachen Anstand und Fachwissen, unf├Ąhig, die Zusammenkunft produktiv zu gestalten.

Breymaier, Gewerkschaftlerin und SPD-Politikerin, mit zurückhaltend vorsichtigen Ansichten, sie war am ehesten in der Lage, in so etwas wie eine konstruktive Debatte einzutreten. Aber für Debatten braucht man mehr als eine Person.

Zur├╝ck zu Spitzer: Er ist kein Angstmacher, wie Benedikt Fuest heute morgen, 2016-10-31, bei Welt/N24 schrieb (Artikel hier). Er hat mit Sicherheit, genauso wie der Dummschw├Ątzer Lobo, Spitzers B├╝cher ├╝berhaupt nicht gelesen.

Das ist das Grauen unserer Zeit: Da treten Leute zu vorgeblichen Debatten an oder ma├čen sich an, Artikel zu schreiben, bringen aber dazu nichts mit au├čer ihren Meinungen, die durch nichts untermauert sind, was ernsthafter Betrachtung standhalten w├╝rde. Und wagen es, vom ┼ĺuvre des Kontrahenten zu fabulieren, das sie, man staune und schlage der L├Ąnge nach hin, aus den Kommentaren der Medien kennen.

Ich gehe das Wagnis ein, anderer Menschen Gedanken an mich heranzulassen und aufzuarbeiten, bevor ich mit der Konstruktion meiner Ansichten beginne. Und vor allem lasse ich mich von Spitzers ungeschicktem Auftreten nicht davon abhalten, seine Argumente nachzuvollziehen und die wissenschaftlichen Quellen zu recherchieren, aus denen er sch├Âpft. Und er selber ist ja nebenbei bemerkt auch noch selber eine solche Quelle, denn im Gegensatz zu Typen wie Lobo und Rohleder forscht er selber und wei├č, wie man wissenschaftlich arbeitet. Da├č Lindner von so etwas keine Ahnung hat, ist klar, das w├╝rde auch niemand erwarten. Wozu Wissenschaft in der Politik dient, sieht man an Merkel und Guttenberg: zu nichts oder zu Betrug.

Die Offene Gesellschaft am 16. Oktober 2016 in Stuttgart

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Meine Vorstellung zum Zeitpunkt der Anreise war die, da├č eine Podiumsdiskussion stattfinden w├╝rde unter dem oben genannten Thema Welches Land wollen wir sein, in deren Anschlu├č das Publikum in die Diskussion einbezogen w├╝rde.

Die “Keynote Speech”, also auf deutsch die Er├Âffnungsrede, ich mach’ das Wort mal fett, um es besser ins Bewu├čtsein zur├╝ckzurufen, war nur ein kurzes Statement. Das war vermutlich nicht Welzers Schuld, vielleicht auch nicht Armbrusters, vielleicht lag es mit an der Versp├Ątung von ├╝ber zwanzig Minuten, mit der die Veranstaltung begann. Auf jeden Fall war es delet├Ąr und trug meiner Meinung nach erheblich zum entt├Ąuschenden Verlauf des Ganzen bei.

Die Debatte, die in dem oben gezeigten Infofenster angekündigt worden war, fand also nicht statt. Es gab noch die kurzen Statements von Bewer und Pavkovic, dann wurde von Armbruster schon der erste Zuschauer aufgerufen.

Da├č der Eintritt nicht frei war, sondern f├╝nf Euros kostete, sei nur am Rande erw├Ąhnt, geh├Ârt aber in die Reihe der Unstimmigkeiten. Zuf├Ąllig war ich viel zu fr├╝h dort, so da├č ich genug Zeit hatte, mir eine Karte und einen vern├╝nftigen Platz zu sichern. Aber das war eben nur ein gl├╝cklicher Zufall.

Die gesamte Veranstaltung hatte dann auch den Charakter einer normalen Theaterauff├╝hrung mit Kartenverkauf, Reservierung, Bestuhlung, fester Platzzuteilung, Stewardessen im Businesslook und allem, was zu einer gepflegten Abendveranstaltung geh├Ârt. Nur, da├č sie eben morgens war, allerdings, wie gesagt, mit geh├Âriger Versp├Ątung, weil die Kasse nicht besetzt war, was dann zu einer langen Schlange vor der Behelfskasse und verstimmten Besuchern f├╝hrte. Die idiotische Numerierung der Sitzpl├Ątze, Nummer 1 und 2 in der Mitte, rechter Fl├╝gel gerade, linker Fl├╝gel ungerade Platznummern, sorgte dann f├╝r weitere Kritik, aber auch zu lustigen Witzchen mit denen, die wieder zur├╝ckkamen, weil sie ihre Pl├Ątze am anderen Ende der Reihe besetzt sahen, ohne zu realisieren, da├č die gesuchten Pl├Ątze mit den niedrigen Nummern in der Mitte waren und eben nicht am Ende der Reihe. Daf├╝r konnte aber nun wirklich nur das Schauspielhaus etwas.

Die zahlreichen Besucher der Veranstaltung schienen mir weit ├╝berwiegend aus Stuttgart zu stammen, leider wurde ├╝berhaupt nicht danach gefragt, wer woher angereist war, denn das h├Ątte den Rahmen ja auch inhaltlich etwas anders gesetzt. Viele Themen, die meisten, soweit ich mich erinnern kann, bezogen sich auf spezifische Probleme vor Ort. Es m├Âgen wohl einige gedacht haben, da├č die Veranstaltung in Stuttgart dann auch f├╝r Stuttgarter vorgesehen sei; da├č es um ein ├╝bergreifendes Thema gehen k├Ânne, vielleicht sogar sollte, wurde nicht realisiert. Und wenn, dann nur von einzelnen, genauer: einem Einzelnen, dessen Beitr├Ąge im gegebenen Rahmen aber nicht die W├╝rdigung und Diskussion erfuhren, die sie verdient hatten.

Peymann regte sich sp├Ąter ├╝ber die Stuttgarter Problemchen auf, aber so einfach geht es nicht: Man sollte sich schon einmal ├╝berlegen, wen man unter welchen Vorzeichen dazu gebracht hatte, die Veranstaltung zu besuchen. Und wenn eben der Plan war, nicht lokale Wehwehchen, sondern globale Probleme zu diskutieren, dann kann ich nur sagen, da├č von dem Plan nichts zu sehen war.

Die sogenannte Diskussion mit dem Publikum war wenig moderiert und begann viel zu fr├╝h, nachdem Bewer, Welzer und Pavkovic lediglich wenige, einleitende Worte gehalten hatten. Im Grunde lieferten die Aufgerufenen aus dem Publikum jeweils ihre pers├Ânlichen Gedanken ab, ohne da├č dieser Proze├č zu Beginn kanalisiert worden w├Ąre, und ich kann mich auch nur an zwei Gelegenheiten erinnern, bei denen Welzer mit wenigen S├Ątzen auf einen Zuschauerbeitrag einging. Das ist keine Kritik an ihm, er wu├čte mit Sicherheit nur zu genau, wie wenig Zeit diese zwei Stunden wirklich boten.

Eine Diskussion fand, wie gesagt, eigentlich nicht statt. Obwohl z. B. der Begriff Integration mehrfach kritisiert wurde, gab es auch nicht ansatzweise eine Debatte dar├╝ber, was an dem Begriff essentiell zu kritisieren, oder gar, wie er neu zu definieren sei. Klar, ein paar Meinungen dazu wurden ge├Ąu├čert, aber sie wurden nicht aufgearbeitet, debattiert, konsolidiert oder sonstwie produktiv verarbeitet.

Intuitiv war m├Âglicherweise den meisten klar, was den Begriff Integration potentiell fragw├╝rdig macht, so wie angeblich allen klar war, zumindest nach Aussage einer Zuschauerin, was Peymann mit seiner Anklage unseres Gesellschaftssystems als verantwortlich f├╝r gewisses Elend in der Welt sagen wollte. Aber vage zu wissen, was andere vielleicht ebenso vage dachten, f├╝hrt nicht zu Gewi├čheiten und nicht zu einer sch├Ąrferen Sicht auf die Dinge.

Auch der Begriff der offenen Gesellschaft scheint nicht von allen angemessen aufgearbeitet worden zu sein. Solange der Begriff ungest├╝tzt durch entsprechende Bildung verwendet wird, n├╝tzt er nichts und schafft nur dumpfe Solidarit├Ąt ohne konkretes Bewu├čtsein. Vor allem fehlt dann auch jeder Ansatz zu gemeinsamem Handeln gegen die Feinde der offenen Gesellschaft. Diese sind nicht einmal identifiziert worden. Lediglich der Begriff AfD fiel des ├Âfteren, aber auch das kann ja nur folgenlos bleiben, wenn das Verhalten der etablierten Politiker nicht analysiert wird.

Kurzum: Solche Veranstaltungen m├Âgen hilfreich sein, um lokal/regional Zusammenschl├╝sse und sinnvolle Projekte anzusto├čen bzw. voranzutreiben, Erkenntnisse vermitteln k├Ânnen sie anscheinend nicht. Sie sind pragmatisch ausgerichtet und nicht theoretisch-analysierend. Das ist ausgesprochen schade, denn auf der praktischen Ebene allein werden wir der Bedrohung nicht Herr.

Des Buchs Untergang Zeugen wir werden

Ich stecke mittendrin! Mitten im Buch von Daniel Scholten, das da hei├čt Denksport Deutsch. Zum Gl├╝ck erkl├Ąrt er auf seiner Website BellesLettres┬áin einem Video die Entstehungsgeschichte des Titels, den ich, gute Erkl├Ąrung hin oder her, f├╝r irref├╝hrend halte.

Schon jetzt kann ich sagen, da├č ich das Buch f├╝r gro├čartig halte, denn wenn nicht ├╝ber dieses Buch, h├Ątte ich niemals erfahren, was Scholten an Wissen ausbreitet ├╝ber die Entwicklung der Genera, beginnend im Urindogermanischen bis zum heute verwendeten Deutsch.

Ich glaube, da├č es f├╝r Laien, Interessierte und Amateure ohnehin extrem schwer ist, sich in diesem Gebiet, der Linguistik und Sprachwissenschaft, zu bewegen. Es ist eine phantastische Leistung von Scholten, solch einen ├ťberblick abzuliefern!

Es finden sich in dem Buch allerdings durchaus ein paar Dinge, die ich sp├Ąter, wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe, auf einer eigenen Seite abhandeln werde.

Bis dahin kann ich das Werk nur empfehlen, ich glaube, da├č es ziemlich einzigartig dasteht, und ich sehe es als Pflichtlekt├╝re f├╝r jeden Sprachinteressierten an, und das mu├č nicht einmal ein prim├Ąres Interesse am Deutschen sein: Schlie├člich geht es um die gesamte Sprachfamilie, die sich aus dem Urindogermanischen entwickelt hat. Und wie Scholten den Gendersprech, und was noch schlimmer ist, den Genderschrieb kritisiert, ist Labsal f├╝r meine Seele, die mit Dingen wie dem Soziologiemagazin (erscheint im Budrich Verlag) konfrontiert wurde und wird.

Was das Ganze mit dem Titel dieser Seite zu tun hat? Soviel wie der Titel mit dem Text: Nichts. Ich hatte nur gerade eben jemandem (Scholten sagt, da├č jemand hier richtig sei) geschrieben, da├č wir Zeugen des Untergangs des Buchs werden, was man daran erkennt, was man alles nur noch im Antiquariat bekommen kann. Da fiel mir ein, da├č mich Daniel Scholten schelten w├╝rde┬áf├╝r diese Genitivkette, so kam ich auf die Variante, die Sie oben als Titel sehen.