Monthly Archives: July 2019

Spa├čbefreite Gesellschaft?

Heute stie├č ich bei Youtube zuf├Ąllig auf das Video skinnerbox live fusion festival 2019 turmb├╝hne friday full set, f├╝r das ich hier keine Werbung machen m├Âchte. Es geht um den Unsch├Ąrfebalken, der sich quer ├╝ber das Bild zieht:

Der Veranstalter hat darauf bestanden, da├č die Leute, die auf der B├╝hne f├╝r die Belustigung verantwortlich sind, Leute aus dem Publikum unkenntlich machen m├╝ssen, wenn sie auf den von den Belustigern angefertigten Videos ihrer Arbeit zuf├Ąllig erscheinen sollten.

Ein Kommentar unter dem Video lautet: “Fett. und Respekt f├╝r den Datenschutz!” [sic]

Fett ist wohl ein Kompliment f├╝r die Belustiger. Was “Respekt f├╝r den Datenschutz” bedeuten soll, kann man nur ahnen. Gemeint ist sicherlich: Respekt vor dem Anfertiger des Videos f├╝r die Ber├╝cksichtigung des Datenschutzes in Bezug auf die Privatsph├Ąre des Publikums.

Es gibt mittlerweile Leute, die glauben, da├č ein Namensschild am Klingelblech eines Hochhauses ein Versto├č gegen die DSGVO w├Ąre.

Es gibt Leute, die glauben, da├č Street Photography (Stra├čenfotografie) verboten w├Ąre. Oder zumindest, wenn schon nicht, so doch geh├Ârt. Also, man sollte die verbieten, meinen die wohl.

Es gibt Leute, die sich nicht mehr trauen, Stra├čenfotografie zu praktizieren.

Wann werden Videokameras als potentielle Waffe anerkannt und nicht mehr frei verkauft? Wann werden Videokameras f├╝r Privatleute grunds├Ątzlich verboten und nur noch bei spezieller, beh├Ârdlich anerkannter Begr├╝ndung verkauft?

Jeder Volldepp hat heute eine Videokamera in der Hosentasche, mit der er Leichen, Leichenteile, bewu├čtlose Opfer und beliebige Katastrophenszenarien filmen und bei Fressebuch teilen kann. Teilen nennt man heutzutage die Ver├Âffentlichung von Bilddarstellungen, bewegt und unbewegt, ohne Ber├╝cksichtigung von Gesetz und Ethik. Einfach so.

Aber wenn jemand auf eine ├Âffentliche (und damit eben nicht private), l├Ąppische, sogenannte Musikveranstaltung geht, um dort langweilig herumzulaufen oder zu -zappeln, dann, verflucht noch eins, dann hat er so ein absolut abgefucktes Recht auf seine verschissene Privatsph├Ąre, da├č er unkenntlich gemacht werden mu├č, wenn er zuf├Ąllig durch das Kamerabild tappt? Ernsthaft?

Was f├╝r eine Logik steckt dahinter? Wenn ich heute nach Trier fahre, um dort Fotos oder ein Video von der Stadt anzufertigen, mu├č ich dann vorher die Trierer B├╝rger bitten, die Bereiche zu meiden, in denen ich filmen oder fotografieren will? Kann mir einer erkl├Ąren, wie man filmen soll in einer Welt, in der es verboten ist, irgendwelche random people mitzufilmen? Was f├╝r eine Darstellung der Welt soll das werden, in der jede Person unkenntlich gemacht werden mu├č? Oder in der erst gar keine Menschen auftauchen?

Ich habe mittlerweile Videos gesehen, die sorgf├Ąltig so aufgenommen worden sind, da├č man Menschen nur von hinten sieht. Toll. Wirkt atmosph├Ąrisch stimmig. Echt super.

Ich bin kein Ignorant, was den Schutz der Privatsph├Ąre angeht, aber ich wei├č auch, da├č es im wahren Leben keinen Incognito-Modus gibt. Wer das glaubt, hat einen Knall. Jeder von uns ist bei entsprechendem Rechercheaufwand auffindbar und identifizierbar. Man kann ja auch schlecht sein Nummernschild unter Berufung auf die DSGVO abdecken oder gleich ohne herumfahren. Und wenn ich vor die T├╝r trete, bin ich ├Âffentlich sichtbar.

Niemand kann um sich herum eine Wolke mitziehen, in die niemand hineinhorchen, hineinfilmen oder hineinfotografieren darf. Und wenn ich zuf├Ąllig vor dem Ulmer M├╝nster stehe, hei├čt das nicht, da├č in dieser Zeit niemand ein Foto dieses Bauwerks anfertigen darf. Und auch nicht, da├č ich den Fotografen, der dies trotzdem tut, deswegen verklagen kann.

Ein Foto, auf dem menschliche Gesichter ausgegraut sind, ist f├╝r mich ein verunstaltetes Foto. Und ein Foto, das eine Stadt ohne Menschen zeigt, ist ein geisterhaftes Foto, das nicht mehr die Realit├Ąt abbildet.

Und all das, w├Ąhrend auf Facebook und Instagram t├Ąglich oder sogar st├╝ndlich Millionen von Fotos gepostet werden, mit Millionen von Menschen, die mit dem, der fotografiert und gepostet hat, nichts zu tun haben. Und wahrscheinlich nicht einmal wissen, da├č sie dort auftauchen. Aber auf einer hippen, modernen Veranstaltung f├╝r hippe, moderne, aufgeschlossene, junge Menschen, da soll das Publikum unkenntlich gemacht werden. Ist es irgendwie von Nachteil, als jemand erkannt zu werden, der auf so eine Veranstaltung geht? Schadet das bei der Jobsuche? Oder bei der Partnersuche?

Ich kapier’s nicht. Was f├╝r ein Schwachsinn.

PS: Mittlerweile wurde mir eine Theorie f├╝r das Dekret des Veranstalters angeboten, nach der die Zahl der Besucher nicht durch das Vergraulen von allf├Ąlligen Drogenkonsumenten reduziert werden sollte, die m├Âglicherweise verstrahlt in die Kamera glotzen. Oder sogar beim Kauf oder Verkauf von Drogen zuf├Ąllig gefilmt wurden. Hm, ja, deswegen wurde mir von einem Kommentator des Videos wohl auch vorgeworfen, mein Einwand sei spa├čbefreit. Klar, wenn der Spa├č von der Pille kommt und nicht von der Mucke…