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Kritik am Offenen Brief des Migration Hubs Heidelberg vom 20. Juli 2020

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Der vollstÀndige Text findet sich hier: http://migrationhub-heidelberg.org/projekte/

Dieser Offene Brief fĂ€ngt schon mit einem BrĂŒller an:

“Triggerwarnung – in diesem Brief werden Begriffe und Narrative verwendet, die rassistische Stereotype reproduzieren.”

So wie manche Video-Streaming-Anbieter bestimmte Filme nicht mehr ohne vorangehende ErklĂ€rung des Inhalts und Verweis auf schlimme Klischees und verdammenswerte Vorurteile zeigen wollen, sofern sie sie ĂŒberhaupt noch zeigen, so wird auch hier, noch bevor ein Wort gefallen ist, darauf hingewiesen, daß Wörter verwendet werden, die rassistische Stereotype reproduzieren.

Ein Wort reproduziert gar nichts. Null, nada, niente. Ich betone das, weil die gedankliche Verirrung unter anderem hier ihre Wurzeln hat. Reproduzieren im Sinne der Verfasser dieses Pamphlets tun nur denkende Menschen. Es ist also zuallerst einmal so, daß hier an einem Punkt angegriffen wird, der ĂŒberhaupt nicht ursĂ€chlich ist fĂŒr das, was in dem Brief dem Grunde nach angeprangert wird, nĂ€mlich Rassismus.

Ein Wort, ein Begriff, können ĂŒberhaupt nicht ursĂ€chlich sein fĂŒr Denkmuster, das Ignorieren geschichtlicher ZusammenhĂ€nge oder was auch immer. Begriffe und Wörter alleine, ohne einen Text darumherum, sind Bausteine unserer, jeder Sprache, ohne die wir nicht umfassend denken können. Jedes Wort, daß in einer Sprache geschaffen wird, erlaubt in der Gesamtschau der Sprache einen Zuwachs an GranularitĂ€t der Sprache bezĂŒglich der Welt, mit anderen Worten, je mehr Wörter wir zur VerfĂŒgung haben, um sprachlich auf die Welt zu reagieren, desto prĂ€ziser und kleinteiliger können wir uns ĂŒber die Welt Ă€ußern.

Um diesen wichtigen Punkt unmißverstĂ€ndlich klarzumachen: Ein Wort reproduziert nicht, es ist ein Sprachbaustein, der eingebettet in einen Text zur Formulierung beliebiger ZusammenhĂ€nge benutzt werden kann. Ob er jeweils angemessen, sinnvoll oder geschmackvoll benutzt wird, oder auch in geschmackloser, provozierender, selbst völlig falscher Weise verwendet wird, ist einzig Sache des Autors, der das zu verantworten hat. Die Frage, ob ein Text, nicht ein Wort, wohlgemerkt, gegen geltendes Recht verstĂ¶ĂŸt, ist gegebenenfalls vor Gericht zu klĂ€ren. Und solange kein Gericht einen Text oder Teile daraus verbietet, das heißt, seine Veröffentlichung untersagt, ist er von der Meinungsfreiheit gedeckt.

“Die Frage ist nicht nur, ob das Wort verwendet werden sollte oder nicht, vielmehr geht es darum, ob wir den zugrunde liegenden Rassismus akzeptieren oder nicht.”

Hier gibt der Migration Hub Heidelberg (im folgenden MHH abgekĂŒrzt) vor, es ginge ihm nicht um Wörter, sondern um den zugrundeliegenden Rassismus. Wenn es aber nicht um Wörter geht, warum wurde dann gefordert, das Gasthaus zum Mohren umzubenennen? Also geht es ganz klar doch um das Wort!

Und bevor jetzt die Frage nach Roß und Reiter aufkommt, nĂ€mlich dem, der da angeblich dem Rassismus Vorschub leistet, beeilt man sich, das ohne Nennung von Personen zu definieren:

“Der Rassismus liegt bereits in der Wurzel des kolonialistisch geprĂ€gten Wortes: Der Begriff „Mohr“ stammt einerseits von dem griechischen Wort moros “dumm, töricht, gottlos, einfĂ€ltig” und leitet sich außerdem von dem lateinischen Wort maurus “schwarz, dunkel, afrikanisch” ab. Neben des bereits rassisitischen Wortursprungs steht die Verwendung des Wortes in einer Tradition der Abwertung und Objektifizierung von SchwarzenÂč Menschen. Dabei ist nicht relevant, wer genau durch dieses Wort beschrieben wird, sondern dass durch diese Fremdzuschreibung die Versklavung und Ausbeutung Schwarzer Menschen weltweit legitimiert wurde.”

In diesem Abschnitt wird behauptet, der Begriff Mohr sei abgeleitet aus moros, aber auch aus maurus. Frage: Was denn nun? Ein Wort kann nur einen Ursprung haben. Bedeutungen können verschmelzen, das ist wohl einsichtig, aber daß ein Wort zwei Wurzeln haben soll, die dann witzigerweise sowohl eine Zuschreibung als auch eine Definition einer Gruppe von Menschen enthalten und zu allem Überfluß phonetisch fast gleich sind, erscheint mir extrem unwahrscheinlich. Vielmehr habe ich den Eindruck, daß der MHH hier seine ohnehin dĂŒnne Argumentation verstĂ€rken wollte, indem er zwei Argumente zusammenfĂŒgt, die aber aus logischen Gesichtspunkten nicht zusammenpassen. Ich interpretiere das als eine politisch gewollte Schlußfolgerung, denn hier wird nicht sauber nachgedacht, sondern aus politisch-ideologischen Zielen so dargestellt, wie es einem in den Kram paßt.

Ob der Begriff Mohr von Anfang an rassistisch war, bleibt also offen, das ist nur zu klĂ€ren, indem man historische Texte analysiert, und ich bin mir 100% sicher, daß der MHH das nicht getan hat. Ihm genĂŒgen hier reine Behauptungen.

Jetzt kommen wir zum entscheidenden Satz des gesamten Offenen Briefs:

“Dabei ist nicht relevant, wer genau durch dieses Wort beschrieben wird, sondern dass durch diese Fremdzuschreibung die Versklavung und Ausbeutung Schwarzer Menschen weltweit legitimiert wurde.”

Was hier behauptet wird, ist in seiner antiaufklĂ€rerischen Denkweise (ich scheue mich eigentlich, das Denken zu nennen, aber das muß man wohl tun), grotesk: Laut MHH haben wir es also mit einem Wort zu tun, bei dem der Gegenstand, fĂŒr den es steht, irrelevant ist.

Da bleibt mir doch fĂŒr einen Moment die Spucke weg.

Es wird also gefordert, GasthĂ€user, Straßen, Apotheken und andere GeschĂ€fte umzubenennen, also den Begriff Mohr zu canceln (hiermit ist also der Beweis fĂŒr eine Cancel Culture erbracht, auch wenn Hannah Pilarczyk vom Spiegel behauptet, es gĂ€be sie nicht (https://www.spiegel.de/kultur/cancel-culture-viele-graeben-viele-kaempfe-essay-a-60615caf-c115-467e-a2e3-3e3e7bdca606), ohne daß es noch weiter erforderlich wĂ€re zu klĂ€ren, wen der Begriff ĂŒberhaupt betrifft und welche Gruppe er beschreibt.

Damit zieht man sich schon einmal von der Debattierfront zurĂŒck und betoniert seinen eigenen Standpunkt in dem Glauben, damit wĂ€re die Sache erledigt. Ist sie aber nicht, denn diese Aussage ist eine geistige BankrotterklĂ€rung.

Im folgenden werden einige historische Tatsachen aufgelistet, die sich im wesentlichen auf den Kolonialismus beziehen. Das gibt mir Gelegenheit zur vorsorglichen Aussage, daß ich die Aufarbeitung von historischen ZusammenhĂ€ngen gerade auch im Fall des Kolonialismus fĂŒr wichtig halte. Geschichtsbewußtsein ist erforderlich, um gesellschaftliche ZusammenhĂ€nge festzustellen, zu analysieren und zu dokumentieren. Auf Scheurings Tabakladen und seine Mohrenfigur gehe ich hier nicht ein, das ist nicht Ziel dieses Textes. Aber im folgenden wird die oben behauptete Irrelevanz der Bedeutung des Begriffs noch ĂŒbertroffen:

“In beiden FĂ€llen – der GaststĂ€tte “Mohr” sowie die Verbildlichung dieser rassistischen Fremdzuschreibung in Form einer lebensgroßen Figur in “Scheurings Tabakladen” – ist es letztlich irrelevant, ob dies als rassistische Verletzung intendiert ist oder nicht. Entscheidend ist, dass Schwarze Menschen davon angegriffen und rassistisch beleidigt werden. Die Berechtigung der Anzeige wegen Beleidigung liegt also auf der Hand.”

Jetzt ist es sogar irrelevant, ob die Verwendung des Begriffs Mohr in der Absicht geschah, jemanden herabzusetzen oder nicht. Wenn meine Taten also vor Gericht nicht mehr danach beurteilt werden, was meine Intention war, dann sind der WillkĂŒr TĂŒr und Tor geöffnet! Wenn ich also einen Angreifer töte, um einen anderen Menschen vor einer gewaltsamen Tötung zu schĂŒtzen, bin ich genauso ein Mörder wie der, vor dem ich einen anderen geschĂŒtzt habe?

Es gibt Regeln des Denkens, und es ist unfaßbar, wieviel Dummheit zusammenkommen mußte, um so einen Text zu veröffentlichen. Einem denkenden Menschen, der die Konsequenzen solcher Aussagen analysiert, mĂŒssen die Haare zu Berge stehen, so abstrus ist das.

Zum Begriff der Beleidigung muß ich noch etwas sagen: Eine Beleidigung kann nur stattfinden, indem sie adressiert wird. Eine Beleidigung ohne Adressaten ist keine. Wenn Mohr aber laut MHH keine Gruppe darstellt (ist ja irrelevant), wie kann dann eine Gruppe beleidigt werden? Und vor allem: Wie kann ein Einzelner durch ein öffentlich sichtbares Schild beleidigt werden? Ein Einzelner?

Wenn ich eine Gruppenbezeichnung abwertend verwende, wie z. B. dĂ€mliche AuslĂ€nder, kann ich dann persönlich als AuslĂ€nder beleidigt sein? Ich denke, nicht. Aussagen in dieser Richtung können volksverhetzend sein, und tatsĂ€chlich, sie können rassistisch sein und vieles andere mehr. Wenn es dann justiziabel wird, dann wird es aber mit Sicherheit um Bevölkerungsgruppen gehen, die vor despektierlichen, herabwĂŒrdigenden Aussagen geschĂŒtzt werden sollten, aber nicht um ein verletztes Persönlichkeitsrecht eines Einzelnen. Vor allen Dingen: Wie soll die Verwendung eines Begriffs eine persönliche Beleidigung darstellen, wenn ĂŒberhaupt keine persönliche Interaktion stattfindet zwischen Beleidiger und Beleidigtem? Das sind lĂ€cherliche Konstrukte ohne Sinn. (Über das Schicksal der Anzeige, die gestellt wurde, konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Es ist also unklar, ob sie ĂŒberhaupt einem Gericht vorgelegt worden ist. Von einem Gerichtsurteil in dem Fall ist noch weniger etwas zu finden. Was mich nicht wundert. Aber darĂŒber spricht niemand, jedenfalls konnte ich dazu in den sogenannten Medien nichts finden.)

Aber spannend wird ja das Ganze, wenn man sich den Mechanismus anschaut, der schließlich zur NamensĂ€nderung gefĂŒhrt hat, nĂ€mlich ganz offensichtlich kein Gerichtsurteil, nicht der Wille des Volkes, nein, der Wille eines gewalttĂ€tigen Mobs:

Bei der Recherche findet man Begriffe wie Shitstorm und Facebook-Community (oder auch nur Community). Zusammengefaßt kann man sagen: Die Änderung fand statt, weil jemand einem social pressing nachgegeben hat. Anders formuliert: Ein Mob hat solange mit Dreck geworfen, bis jemand getan hat, was der Mob wollte.

Und das, lieber Leser, ist der eigentliche Skandal an dieser Geschichte!

PS: Ein Punkt ist noch nicht angesprochen worden, den ich aber hier anfĂŒgen will, weil er wichtig ist. Zitat aus dem Offenen Brief:

“Rassismus kann von weißen Menschen nicht nachempfunden werden, denn die jahrhundertelange Geschichte der Erhebung weißer Menschen ĂŒber nicht-Weiße kann nicht umgekehrt werden. Wir appellieren daher an alle Menschen, die in Zusammenhang mit dieser Sache stehen, auf die Expertise von Menschen, die im Bereich Antirassismus arbeiten und auf Menschen mit Rassismuserfahrungen, zu hören.”

Was heißt das, kann nicht nachempfunden werden? Kann demnach ein Mann z. B. auch nicht nachempfinden, was eine Frau bei einer Vergewaltigung empfindet? Kann ein Mensch, der beide Beine hat, nicht nachempfinden, wie es ist, keine mehr zu haben? Oder gar wie es ist, nie welche gehabt zu haben?

Diese Aussage ist in der PauschalitĂ€t, wie sie hier getroffen wird, unhaltbar. Sie erklĂ€rt Weiße (und nicht im Bereich Antirassismus TĂ€tige 😆 ) fĂŒr inkompetent in Bezug auf die ganze Sachlage, und das aus einem Grund, der in der Aufforderung im zweiten Satz gipfelt: “Wir appellieren daher an alle Menschen, … auf die Expertise von Menschen, die im Bereich Antirassismus arbeiten und auf Menschen mit Rassismuserfahrungen, zu hören.”

Aha, da ich also nicht im Bereich Antirassismus arbeite (was fĂŒr eine hirnrissige Formulierung… Er arbeitet im Bereich Antirassismus. Aua…) und keine Rassismuserfahrung habe, was immer das nun wieder bedeuten soll, muß ich also schon aus moralischer Verpflichtung auf den MHH hören und tun, was er sagt!

Sehr schlau formuliert: Ihr seid alle nicht in der Lage, die Situation richtig einzuschĂ€tzen, das sind nur wir, also tut, was wir sagen! Das ist so cool…

Glaubt der MHH wirklich, diese dummdreiste Argumentation wÀre nicht zu durchschauen?