Liebe Ällinnen und Alle!

Totalitarismus des politically correct speech

Ich bin hilflos!

Von allen Seiten strömt es auf mich ein, dieses unerträgliche Phänomen! Es kommt gedruckt, es kommt aus dem Radio hinein in den Gehörgang, es kommt über den Fernseher, der dem Ton das Bild hinzufügt, aber leider gibt es keine Bilder ohne Ton, es sei denn, man dreht ihn ab, Ton ohne Bilder gibt es aber schon, well established, they call it radio, aber die Bilder sind nicht das Schlimme, das Entsetzliche ist die Sprache.

Da kommen Filme, die heißen z. B. 300 Worte Deutsch. Aber oje, gemeint sind 300 Wörter Deutsch, nicht Worte. Und das, obwohl es in diesem Film unter anderem um die Abhaltung von Deutschkursen für Ausländer geht. Sprache wird also richtiggehend thematisiert, aber nicht einmal für einen korrekten Filmtitel reicht es.

Vor ein paar Tagen lief eine Sendung auf SWR2, in der es irgendwie um das Dritte Reich ging. Das Thema ist mir nicht mehr in Erinnerung, aber der permanente Gebrauch der Redewendung Menschen jüdischen Glaubens, der ist mir sehr gut erinnerlich. Ich dachte erst: Was schwätzt der so geschwollen? Aber dann wurde mir klar, daß er politically correct sprach. Er wollte es vermeiden, von Juden zu reden. Dann hätte er, so hat es ihm sein Wahn wohl eingeflüstert, von Jüdinnen und Juden reden müssen. Glaubte er, wie gesagt, denn er muß es nicht! Die deutsche Sprache kennt Archilexeme, die sind dazu da, die Sprache zu ökonomisieren, das Denken effizienter zu machen! Man kann von Werkzeug reden, ohne den Schraubenzieher, ich bitte um Entschuldigung, ich meine natürlich den Schraubendreher, den Hammer, den Schraubenschlüssel, den Hobel und was da alles sonst noch so rumfliegt, erwähnen zu müssen. Man sagt Werkzeug und die Sache ist erledigt.

Aber jetzt kommt ja demnächst die neue Auflage von Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde auf den Markt. Sie wird Die offene Gesellschaft und ihre Feindinnen und Feinde heißen.

Luhmann wies ja schon auf die korrekte Form bei der Benennung von Säuglingen hin: Säuglinginne und Säuglinge, denn DER (!!!) Säugling ist ja männlich (immer, auch wenn er ein Mädchen ist), und das geht nicht mehr.

Ich sehe durchaus ein, daß ein Negerkuß nicht mehr so angesagt ist heutzutage. Und ich sehe ein, daß man Eskimos nicht mehr so nennen sollte, sondern Inuits, und Lappen nicht mehr so, sondern Samen oder Sami. Aber das läßt sich auch gescheit begründen! Zu Feinden aber Feindinnen und Feinde sagen zu müssen, anstatt es bei Feinden zu belassen, das ist nur noch bescheuert.

Daniel Scholten to the rescue!

Daniel Scholten hat das große Verdienst erworben, sich fachlich (!!!) als Linguist mit der Frage der grammatischen Geschlechter auseinanderzusetzen und für die indogermanischen Sprachen eine hervorragende, einzigartige Analyse ausgearbeitet zu haben, nachzulesen in seinem Werk

Denksport Deutsch

Hier gibt es dieses Buch:
https://www.hugendubel.de/de/buch/daniel_scholten-denksport_deutsch-26062467-produkt-details.html

Hier gibt es Informationen über die Person:
https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Scholten

Sein überaus empfehlenswertes Blog:
http://www.belleslettres.eu/

Das Schlimme ist, daß sich Menschen zu Richtern und Erklärbären der deutschen Sprache emporschwingen, die von Sprache und von der deutschen im Speziellen überhaupt keinen blassen Dunst haben. Im Gegensatz zu diesen verfügt Scholten über Wissen über das, worüber er redet und schreibt.

Heute morgen hieß es in einem Interview auf SWR1, es käme auf bewußte Sprache an, um hate speech und der Verrohung der Sprache entgegenzuwirken, dazu gehöre eine Gender-bewußte Sprache, man solle also nicht Flüchtlinge sagen, sondern Flüchtende. Was soll das bringen? Der Singular ist in beiden Fällen grammatisch männlich: Der Flüchtling, der Flüchtende. Gut, man kann auch die Flüchtende sagen. Und das reißt’s jetzt raus? Außerdem: Nach meinem Sprachgefühl ist eine Gruppe von Flüchtlingen, die im Stadtpark sitzt, etwas anderes als eine Gruppe Flüchtender, die stelle ich mir nämlich eher vor, wie sie gerade mit Plastiktüten voll Geld aus der Bank rennen.

Das Soziologiemagazin habe ich jetzt abbestellt und das letzte Exemplar wutentbrannt in den Müll geworfen, weil man bombardiert wird mit diesem Schrott aus Bürgerinnen und Bürgern, Ärzt_innen und wie diese schwachsinnigen Schreibweisen noch so alle daherkommen.

Ich bin kein Rassist, weil ich von Migranten rede anstatt von Migrantinnen und Migranten! Ich bin kein Frauenfeind, weil ich von Bürgern rede! Und überhaupt, was soll diese beschissene Dichotomie? Ist da nicht auch ständig die Rede von LGBT usw.? Schauen Sie sich mal den Wikipedia-Artikel zu dem Thema an:

https://de.wikipedia.org/wiki/LGBT

Ist dieser Buchstabenbaukasten, der dort dargestellt wird, ernstgemeint oder schon Satire???

Und wenn ich ständig das weibliche Geschlecht mit dazunehmen muß, warum nicht auch die Transsexuellen? Was ist mit denen, die äußerlich Mann oder Frau sind, genetisch aber nicht? Was ist mit denen, deren Hormonhaushalt nicht mit den Normwerten übereinstimmt? Muß ich die nicht auch alle irgendwie mit hineinnehmen? Warum nur die klar definierten Männer und Frauen?

Was ist mit den Mädchen? Gehört dieses Wort nicht getilgt aus unserer deutschen Sprache? Welcher Misogyne hat sich das ausgedacht? Er nahm der Magd ihr Geschlecht und machte sie zum Mädchen. Es gibt viele, die aus mangelndem Sprachgefühl heraus Dinge sagen wie: Das Mädchen hat ihre Haarspange verloren. Mein Sprachgefühl (und die Regeln der Grammatik ebenso) sagt mir aber, daß das falsch ist. Es heißt: Das Mädchen hat seine Haarspange verloren. (Dieser Fall zeigt doch z. B. jenseits von jedem Zweifel, daß das grammatische Geschlecht nichts, aber auch rein gar nichts mit dem natürlichen, biologischen Geschlecht eines Lebewesens gemein hat. Wir müssen Hauptwörter für Menschen, Tiere und Pflanzen bilden sowie für unbelebte Sachen. Zufällig haben viele belebte Dinge ein natürliches Geschlecht, aber das ändert nichts daran, daß Grammatik und Biologie einen Scheiß miteinander zu tun haben.)

Aber nicht einmal zu dieser einfachen Analyse und Feststellung ist man heutzutage noch fähig. Sprache wird verbogen und versaut unter dem totalitären Terror der Korrekten, der Inhaber der Deutungshoheit von Sprache!

Die Evangelisten dieses Irrsinns (so nennen die Nordamerikaner ja die hervorgehobenen Vertreter irgendwelcher Ansichten, die ich eher als Rattenfänger bezeichnen würde) wollen ja aus dem Sprachgebrauch ablesen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht! Wer nicht liebe Bürgerinnen und Bürger oder liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger sagt anstatt einfach liebe Mitbürger, wer nicht unsere Wählerinnen und Wähler sagt statt unsere Wähler, der spricht nicht nur falsch, der denkt auch falsch. Und ich glaube, das Soziologiemagazin würde einen Artikel in korrektem Deutsch gar nicht annehmen oder sie würden ihn kaputtredigieren mit ihrem Sprachterror.

Wenn ich also von Migranten rede oder von Flüchtlingen, dann meine ich alle. Dazu gehören, für diejenigen unter Ihnen, die das Wort alle nicht kennen, Männer, Frauen, Kinder, und zwar männliche und weibliche Kinder, auch Kinder mit Hodenhochstand und femininer Prägung, Stoffwechselkranke männlichen, weiblichen und nicht eindeutig bestimmbaren Geschlechts, Kränkinnen und Kranke, auch Säuger, oder soll ich doch besser Säuglinginnen und Säuglinge sagen… und was weiß ich noch alle, ALLE eben!

Oder schreibt man das ohnehin schon entsetzliche liebe Alle jetzt auch als liebe Ällinnen und Alle?